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Ich habe zu Hause ein blaues Klavier / Und kenne doch keine Note. / Es steht im Dunkel der Kellertür, / Seitdem die Welt verrohte. So lauten die einleitenden Verse des wohl berühmtesten Gedichts einer der wohl berühmtesten jüdischen Schriftstellerinnen. Als mir mein Deutschlehrer 2002 dieses Gedicht vorlegte, wusste ich sofort, dass ich selbst Lyrik schreiben und später Germanistik studieren möchte. Die Rede ist natürlich von einer der schillerndsten Figuren des Expressionismus: Else Lasker-Schüler.

Ein bisschen hat’s zwar gedauert, aber nun, 20 Jahre später, sitze ich endlich hier vor den Bücherstapeln für meine Bachelorarbeit. Auf dem Weg zur Themenfindung war Else mein Nordstern, wenn man so will. Letzten Endes ist sie nicht Teil meiner Bachelorarbeit geworden. Dafür habe ich fünf großartige deutsch-jüdische Autorinnen entdeckt, mit deren Novellen und Erzählungen ich mich in den nächsten Wochen weiter ausführlich beschäftigen werde. Heute möchte ich sie euch einmal vorstellen und hoffe, die Neugier für die ein oder andere der Künstlerinnen bei euch zu wecken.

Claire Goll (ehem. Studer, 1890-1977)

Wer sich ein bisschen mit Literatur beschäftigt, wird dieser Grand Dame früher oder später über den Weg laufen. Nicht zuletzt, weil sie im Leben einiger großer Schriftsteller mitgemischt hat. Da wäre zum einem der französische Lyriker und spätere Ehemann Claires, Yvan Goll. Zum anderen Rainer Maria Rilke, mit dem sie während dieser Zeit eine Affäre hatte. (2) Vielen scheint sie auch genau daher ein Begriff zu sein. Lustigerweise ist es bei mir genau andersherum. Ich habe vor vielen Jahren in Zusammenhang mit ihr das erste Mal ein Bild von Rilke gesehen – und daraufhin angefangen ihn zu lesen. Verrückte Welt.

Cover des im Insel Verlag erschienenen Briefwechsels mit Portrait von Claire Goll (Bild: Ich)

Geboren wurde Claire Studer jedenfalls in Nürnberg, wo sie als Tochter des erfolgreichen Geschäftsmanns und Hopfenhändlers Joseph Aischmann auf die Welt kam. Ihre Mutter beschreibt Claire Goll in ihrer Autobiographie als Frau , die mit besonderem Interesse an “Musik, Literatur, Patriotismus, schönen Uniformen, bildende[r] Kunst und Luxus” glänzte, aber wenig Begeisterung für die Attribute ihres Mannes aufbrachte. Trotz Golls jüdischer Herkunft spielt ihre Abstammung in ihrer schriftstellerischen Arbeit nur eine sehr marginale Rolle. Wenn, so ist sie zudem eher auf die wenig respektable Figur ihres Vaters zurückzuführen, wie Doerte Bischoff erläutert. Und das obwohl sie schon in früher Kindheit erste Erfahrungen mit Antisemitismus machen musste. (1)

Claire Golls Novellenband “Die Frauen erwachen”

Cover “Die Frauen erwachen” (Bild: Ich)

Vor Allem tritt Claire Goll als Autorin in Erscheinung, die sich im ersten Weltkrieg pazifistisch engagiert. Dabei widmet sie sich vorrangig den Themen der Ausgrenzung und Unterdrückung. Passend dazu zeigen sich auch die Novellen in ihrer ersten Publikation Die Frauen erwachen (1918), die ich auszugsweise für meine Bachelorarbeit analysieren werde. (1)

Alle 8 Novellen (die mit ihrem Umfang von 9-20 Seiten eher Erzählungen entsprechen) zeigen traumatisierte Figuren, die Erfahrungen mit den Grauen des Krieges machen mussten. Bis ins Detail werden dem/der Leser:in die Schrecken der Gewalt vorgezeichnet. Claire Goll hat kein Interesse daran, ihr Publikum zu schonen. Gleichzeitig klagen ihre Texte laut an.

Denn der Titel ist Programm: Claire Goll fordert Frauen auf, Verantwortung zu übernehmen. Sich aus ihrer Abhängigkeit zu befreien. Sie sollen ihre Existenz nicht weiter über das Leben der Männer definieren oder an deren Tod zugrunde gehen. Auch der Krieg ist für Goll kein Männer- oder landgemachtes Problem, in dem Frau die Opferrolle einnehmen kann. So sieht sich zum Beispiel auch die Protagonistin in Die Wachshand nach der Heimkehr ihres Mannes mit immensen Schuldgefühlen konfrontiert:

Warum hatten sich nicht alle Frauen vor die Züge geworfen? Warum hatten sie den Männern zugejubelt und ihnen Blumen in ihre Gewehre gesteckt? Sie, die Frauen, wussten doch, daß es da drüben Mütter gibt.

Die Frauen erwachen, S. 22f.

Das ist plakativ, aber unmissverständlich. Zeit für die Frau, ihre Stimme zu finden, scheint die Künstlerin damit zu sagen. So wie sie es schon 1917 in ihrem Essay Die Stunde der Frauen einfordert. (3) Zahlreiche Publikationen später musste Claire Goll 1939 zusammen mit Yvan Goll selbst vor den Machenschaften der Nationalsozialisten fliehen. Nachdem sie 1919 mit ihrer großen Liebe dorthin gezogen war, verließ sie Paris und lebte einige Jahre in Kuba und New York. 1927 kehrte sie zurück. Nach Yvan Golls Tod im Jahr 1950 widmete sie sich fast ausschließlich der Verwaltung seines Werks. Selbst hat sie dagegen kaum noch publiziert. Nicht zuletzt deswegen und aufgrund der Goll-Affäre ist ihr eigenes literarisches Schaffen sehr in Vergessenheit geraten. (2)

Vicki Baum (1888-1960)

GRUSINSKAYA: You must forgive me. I’ve had a very trying evening. I was so alone, and suddenly you were there. Why do you look at me like that?

BARON VON GEIGERN: I had no idea you were so beautiful. I’d like to take you in my arms and not let anything happen to you, ever. How tired you are.

GRUSINSKAYA: Yes, tired. BARON VON GEIGERN: And alone?  GRUSINSKAYA: So alone.

So lautet ein berühmter Dialog zwischen Greta Garbo und Schauspieler John Barrymore in Menschen im Hotel, einem der Kultfilme der 30er Jahre schlechthin (Quelle: Grand Hotel | 1932 | video | quotes). Die Vorlage zum Film lieferte Vicki Baum mit ihrem Roman, den sie 1930 noch in Deutschland veröffentlichte. 1931 folgte sie der Einladung nach Hollywood zu besagten Filmaufnahmen, 1932 emigrierte sie nach Amerika. (2)

Die Autorin, die unter dem Namen Hedwig Baum 1888 in Wien geboren wurde, legte wie Claire Goll wenig Wert auf ihre Herkunft. In einem Zuhause aufgewachsen, das von den Neurosen der Mutter geprägt war, kam die Autorin schnell zu dem Schluss, dass der Glaube an einen Gott sinnlos sei. In Interviews äußerte sie sich ganz offen dazu, dass sie sich mit nichts von dem identifizieren könne, was als jüdisch gelte. (1)

Vicki Baum (Bild: Max Fenichel, Kunsthistorisches Museum Wien, lizenzfrei. Quelle: Wikipedia)

Beruflich von ihren Eltern zu einer musikalischen Karriere angehalten, etablierte Baum sich vorerst als eine der wenigen Harfistinnen, bevor sie sich nach dem ersten Weltkrieg ausschließlich der Schriftstellerei zuwandte und mit ihren ersten Romanen und ihrer Anstellung beim Ullstein Magazin große Erfolge verbuchte. (2)

Vicki Baums Novellenband Die andern Tage

So ganz ohne Spuren ihrer Herkunft kommen Baums Texte dennoch nicht aus. So handelt die Erzählung Raffael Gutmann vom Leben eines Jungen im jüdischen Ghetto. Nachdem dieser seine Liebe zur Musik und zur Oper entdeckt, bricht er immer wieder aus dem orthodox-jüdischen Alltag aus. Am Ende muss er jedoch erkennen, dass es keinen Ausweg aus dem Ghetto für ihn gibt. Ja… Happy Ends findet man hier selten. Vor allem ist aber auffällig, so Sarah Mohi-von Känel, wie deutlich sich anti-semitische Tendenzen in Baums Beschreibung jüdischer Figuren durch ihre Texte ziehen. (1)

Raffael Gutmann kommt dabei neben der Erzählung Im alten Haus ein besonderer Stellenwert zu. Sie wurde zuerst 1911 in der jüdischen Monatsschrift Ost und West und dann 1922 im Novellenband Die andern Tage in einer längeren Version veröffentlicht. Betrachtet man die weiteren Novellen in dem Band, zeigt sich allerdings auch schnell, dass Baums Kritik nicht allgemeingültig als Verweis auf die Dispora verstanden werden kann. In unterschiedlichsten Settings führt sie ihren Leser:innen Figuren vor, die auf der Suche nach sich selbst sind und dabei an ihren Träumen scheitern. So begegnet dem/r Leser:in in Die andern Tage beispielsweise eine Nixe, die zum Menschen werden will und als Attraktion im Zirkus landet; eine verarmte Klaviervirtuosin, die sich ein Iltis als Haustier hält und sich halb verhungernd eine Liebesbeziehung mit dem Arzt herbeifantasiert oder ein alternder Opernsänger, der nach dem Verlust seiner Stimme mit der Tochter des Kapellmeisters anbandelt und dann Suizid begeht.

Erstauflage der Novellenbände Vicki Baums von 1921 und 1922 (Bild: Ich)

Mela Hartwig (1893-1967)

Die Dritte im Bunde ist Mela Hartwig, die zuerst mit Das Verbrechen Alfred Döblin den Kopf verdrehte und danach mit dem 1928 erschienenen Novellenband Ekstasen einen großen Wurf in der österreichischen Literaturlandschaft landete. So brachte ihr Ersteres den 1. Preis beim Literaturwettbewerb der Literarischen Welt ein, Zweites den Julius-Reich-Dichterpreis der Stadt Wien. Dabei hat die 1893 geborene Künstlerin zuerst eine Gesangs- und Schauspielausbildung absolviert und auf den großen Bühnen Österreichs gespielt. Zur Schriftstellerei wechselte sie erst einige Jahre später, bis sie in den Exiljahren unter dem Namen Mela Spira Bekanntheit als Malerin erlangte. (1)

Hartmut Vollmer schreibt, in Hartwigs Büchern stehe “die von den Lehren der Psychoanalyse geprägte Betrachtung weiblicher, determinierter Existenz” im Fokus. (1) Das veranlasste sogar den zu der Zeit sehr hoch geachteten Zsolnay Verlag dazu, erst vor einer Veröffentlichung zurückzuschrecken. Als der Band 1928 schließlich veröffentlicht wurde, sorgte er für den ein oder anderen Aufschrei in den Kritikerreihen. (3) Die radikale Darstellung von Weiblichkeit und die Forderung der weiblichen Figuren nach Selbstbestimmung über ihren Körper, ihren Lebensweg und ihre Sexualität waren zu viel für das durchschnittliche Publikum- trotz dem bereits etablierten Bild der “Neuen Frau” im ausklingenden Jahrzehnt der goldenen Zwanzigerjahre.

Wenn Frau ihre Rechte einfordert. Mela Hartwigs Novellenband Ekstasen

Für das lesende Publikum schien Überforderung vorprogrammiert, wenn sie zum Beispiel in der Novelle Der phantastische Paragraph Protagonistin Sabine Seltsam folgen, die nach einer in der Mondnacht herbeifantasierten Liebesnacht glaubt, schwanger zu sein, dann aber aufgrund ihrer Krankheit auf einen Schwangerschaftsabbruch insistiert. Wenig von ihren Argumenten überzeugt, wird sie daraufhin von Seiten des Staates zur Schuldigen deklariert, die durch die Mühlen der Justiz gezogen wird. Von Sabines Leidenschaft und Vehemenz abgeschreckt, werden ihr von Arzt, Polizei und Gericht jegliches Selbstbestimmungsrecht und ihre Zurechnungsfähigkeit abgesprochen. Doch die Protagonistin verweigert bis zum Ende ein Schuldeingeständnis, sodass selbst der Richter erkennen muss: “Das ist eine Revolution!” (S. 182 ).

In den Aufzeichnungen einer Häßlichen hingegen folgen wir einer anonymen Erzählerin. Durch ihre Krankheit “entstellt”, begnügt sie sich jahrelang damit, sich in ein Café zu setzen und sich vorzustellen, wie die Hand eines attraktiven Mannes in ihren Schoß wandert. Eines Tages begegnet sie jedoch ihrem neuen Arbeitskollegen und verliebt sich in ihn. Plötzlich überzeugt von ihrem Recht auf Liebe, Sex und Mutterschaft fordert sie diese ein und konfrontiert den Arzt mit ihrem Kinderwunsch.

Mela Hartwig selbst heiratete mit 28 Jahren den jüdischen Rechtsanwalt Robert Spira und emigrierte 1938 nach London. Sie freundete sich dort unter anderem mit Virginia Woolf an. Neben ihrer neuen Karriere als Künstlerin blieben ihre literarischen Werke dabei jahrelang unbeachtet. (1)

Autorin Mela Hartwig (Bild: Droschl Verlag, Fotograf unbekannt)

Dank der Neuauflage von Hartwigs Novellen und des Romans Das Weib ist ein Nichts im Literaturverlag Droschl, ist Mela Hartwigs Werk erfreulicherweise wieder einer größeren Leserschaft zugänglich gemacht worden. Dennoch bleibt viel Forschungsarbeit, um ihr die Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen, die sie verdient. Ich werde mich in meiner Bachelorarbeit sowohl mit der Analyse von Die Aufzeichnungen einer Häßlichen befassen, als auch mit der etwas weniger beachteten, aber unglaublich schockierenden Novelle Die Hexe.

Während der erste Text ganz klar die Frage nach der Rolle der Frau und ihrem Entscheidungsspielraum stellt, hebt Die Hexe die Diskussion über weibliche Stereotype auf eine Metaebene. Schonungslos zeigt Hartwig dabei, wie Weiblichkeit und Sinnlichkeit zur Zielscheibe gesellschaftlicher Schuldzuweisung werden und wie groß die Kluft zwischen Sprache, Verständnis und gegenständlicher Welt ist.

Aller guten Dinge … sind nochmal zwei Autorinnen

Wie ihr sicherlich bemerkt habt, fehlen hier noch zwei der fünf Autorinnen, die ich für meine Bachelorarbeit ausgewählt habe. Oder sie mich, wie man’s nimmt. Das wäre zum Einen Regina Ullmann, die mit ihren christlich-mystischen Erzählungen selbst Rilke fasziniert hat. Zum Anderen Lola Landau, von der lediglich zwei Erzählungen und etwas Lyrik überliefert sind, die jedoch unbedingt mehr Leser:innen verdienen. Über beide Frauen werde ich euch dann im nächsten Artikel erzählen und euch hoffentlich dazu animieren, das ein oder andere Werk der Damen auf eure Leseliste zu setzen.

Wer jetzt schon mal ein bisschen in meine Bachelorlektüren reinlesen und geschockt, fasziniert oder irritiert sein will, findet hier Lesematerial:


Alle mit (1) gekennzeichneten Informationen entstammen den jeweiligen Einträgen im Metzler Lexikon für deutsch-jüdische Literatur: Vicki Baum (S. 29-31), Claire Goll (S. 168-171), Mela Hartwig (S. 191-192)

Alle mit (2) gekennzeichneten Informationen sind den Artikeln zu den Künstlerinnen auf Wikipedia entnommen: Vicki Baum, Claire Goll, Mela Hartwig.

Weitere Quellen:

(3): Vollmer, Hartmut (2023) : Erzählerische ‘Fallstudien’ weiblicher psychischer Grenzzustände. Mela Hartwigs Buchdebüt “Ekstasen”. In: Stockinger, Claudia (Hrsg.): Text + Kritik. Mela Hartwig. (2023)

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Natascha Huber