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Neues Jahr, neues Halloweenglück: Heute Abend schleichen die Kids draußen um die Häuser, während drinnen das Fernsehprogramm die passende Gruselstimmung für die Erwachsenen liefert. Woher kommt aber unsere Vorliebe für das Maskieren und wieso lieben wir Horrorfilmklassiker wie Halloween so sehr? Im heutigen Blogartikel erzähle ich euch ein wenig über die Geschichte der Maske, ihre Funktion in Film & Literatur und warum wir uns so gerne verkleiden.

Zeit zum Gruseln: Michael Myers & Co

“Du kannst sie spüren, nicht wahr?”. Herausfordernd streckt Reporter Aaron Michael Myers die leblose Maske entgegen. Michael, dem Reporter den Rücken zugekehrt, schweigt. Die Sonne brennt aus einem blauen, wolkenlosen Himmel auf den Innenhof von Dr. Sartains psychiatrischer Anstalt. Die Insassen ringsum beginnen zu zetern und zu kreischen, zerren an ihren Hand- und Fußfesseln, ihre entrückten Gesichter schiefe Grimassen, die Wachhunde fletschen ihre Zähne – Schnitt.

40 Jahre zuvor, im Jahr 1978, hat Michael Myers an Halloween vier Jugendliche getötet und dabei eben jene Maske getragen. Der Rest ist Kultgeschichte. Seit 1978 erscheint in regelmäßigen Abständen ein neues Sequel rund um die international bekannte Horrorfigur. Dabei ist Michael nur eines von vielen Beispielen. Begonnen bei nicht weniger ungemütlichen Zeitgenossen wie Jason Voorhees (Freitag der 13.) und Leatherface (Texas Chainsaw Massacre) bis hin zu neueren Figuren wie dem Mörder der Scream-Reihe oder dem rätsel-verliebten Jigsaw (Saw) – alle sind als maskierte Mörder zu beliebten Gruselfiguren der Kinogeschichte geworden. Ihre Maske ist dabei nicht mehr wegzudenken und spielt eine zentrale Rolle: Sie ermöglicht ihnen Anonymität und verleiht ihnen Macht. So macht sich auch Michael Myers nach seinem Ausbruch aus der psychiatrischen Anstalt auf den Weg und holt sich seine Maske zurück – natürlich nicht ohne eine blutige Spur hinter sich herzuziehen.

Vom Ritual zur Kunst: Die Geschichte der Maske

Beschäftigt man sich mit der kulturellen Entstehungsgeschichte der Maske stößt man auf eine schier unzählige Vielfalt. In ihrem Ursprung sind Masken im Gebrauch für rituelle und religiöse Kulte zu finden, wo sie vor allem in ethnischen Gruppen und indigenen Völkern ihren Trägern halfen, in Kontakt mit Göttern zu treten oder die Identität eines bestimmten Wesens anzunehmen. Mit dem Einzug der Moderne Anfang des 20. Jahrhunderts wandelte sich der ursprüngliche Sinn der Maske: Der “westliche Blick” erkannte in ihr eine Kunstform, die es zu entdecken galt. So begannen Masken Werke von Picasso zu beeinflussen, der deswegen sogar die Gesichter seines Gemälde Les Demoiselles d’Avignon nachträglich abänderte, oder landeten als Exponate auf den Sockeln der Museen der modernen Welt. (Quelle: Maske-Theater, Kult und Brauchtum)

Bild: Francesco Paggiaro (Pexels)

Wie Richard Weihe in seinen Ausführungen in Die Paradoxie der Maske schreibt, lässt sich unter einer Maske grundlegend eine künstliche Abdeckung des Gesichts verstehen, die aus unterschiedlichsten Materialien gestaltet sein kann. Dabei gilt es zwischen Voll- und Halbmasken zu unterscheiden; Masken also, die lediglich vor das Gesicht gehalten oder gebunden werden oder Masken, die über den Kopf gestülpt werden. Nicht zu vergessen sind ihre zahlreichen Verwendungsmöglichkeiten: Masken tauchen im Theater, bei der Jagd, beim Sport uvm. auf. Sie dienen mal als Verkleidung, mal zur Visualisierung, mal zum Schutz.

Es gibt starre Masken, wie sie im japanischen Nō Theater zur Tradition gehören oder Masken, die dem Träger mehr Spielraum lassen. Auch die Schminkmaske gehört mit in diese Aufzählung. Hier wären neben unserer westlichen Karnevals- und Halloweenkultur vor Allem auch die wunderschön geschmückten Gesichter der mexikanischen Muertas zu nennen, die am Tag der Toten in prachtvoller Tracht ihren geliebten Verstorbenen gedenken.

Die Maske und der Tod

Auch in anderen Kulturen gab es seit jeher eine Verbindung zwischen der Maske und den Toten: So war es sowohl im alten Ägypten Brauch, den Toten mit einer Maske für seine letzte Reise auszustatten oder in unseren Gefilden als Andenken Totenmasken der Verstorbenen anzufertigen. So schreibt auch Rilke in seinem Roman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge auf etwas verstörende Weise von einer Begegnung Maltes mit solch einer Maske, als dieser durch die Straßen von Paris zieht:

Der Mouleur, an dem ich jeden Tag vorüberkomme, hat zwei Masken neben seiner Tür ausgehängt. Das Gesicht der jungen Ertränkten, das man in der Morgue abnahm, weil es schön war, weil es lächelte, weil es so täuschend lächelte, als wüßte es. Und darunter sein wissendes Gesicht. Diesen harten Knoten aus fest zusammengezogenen Sinnen.

Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge – Rainer Maria Rilke

Gerade Rilke ist es aber auch, der in seinem Roman auf die Maske hinweist, die nicht an eine Bedeckung aus Holz, Kunststoff oder ähnlichem gebunden ist: Unser Gesicht.

Bild: Thiago Matos (Pexels)

Die Maske als Metapher

Liest man sich durch diverse Grundlagenwerke zum Thema Maske und Maskierung stößt man auf Begriffe wie Rollenmaske, Maskengesicht oder Haut-Maske. Im Endeffekt meinen sie alle etwas ähnliches: Jeder Mensch zeigt sich in seiner gesellschaftlichen Rolle auf eine bestimmte Weise. Auch wenn uns die Gesichtszüge “entgleisen” können – der Ausdruck auf unserem Gesicht entspricht im Regelfall keiner Willkür. Unser Gesicht ist eine Bühne, die wir bespielen können. Entweder, um unsere wahren Gefühle zu zeigen oder um etwas vorzutäuschen. So können wir zum einen Gefühle vorspielen, die nicht vorhanden sind, zum andern Gefühle verstecken, die wir nicht zeigen möchten. “Unser Gesicht ist jederzeit bereit, als Maske zu handeln” konstatiert dazu Hans Belting weiter in seinem Buch Faces. Eine Geschichte des Gesichts.

Ziehen wir den Kreis etwas weiter, rücken auch die Erwartungen anderer an uns ins Zentrum. Selbst wenn wir versuchen authentisch zu sein – wir haben alle in unserem Leben verschiedene Rollen, denen wir gerecht werden wollen. Als Kind, als Partner:in, als Freund:in, als Angestellte:r, als taffer Businessmensch, als Student:in. Jede Rolle geht mit Konventionen, Regeln und einem gewissen Auftreten einher. Und ich muss sicher Niemandem erklären, wie es ist, manchmal gute Miene zum bösen Spiel zu machen, wenn einem die Eltern mal wieder das Leben erklären wollen. Oder als Studierende kurz vor der mündlichen Prüfung fast vor Angst zu sterben und dennoch mit einem Lächeln und gefakter Selbstsicherheit den Prüfungsraum zu betreten. Ein Leben zwischen Rollen und “einem dem Gegenüber eingestellten Gesicht” wie es Belting weiter nennt – eigentlich ist es Teil unseres Alltags und in normalen Maße völlig legitim.

Verwerflich ist es nur, wenn wir unser Gesicht dazu nutzen, um Menschen zu täuschen oder deren Vertrauen zu gewinnen, um ihnen dann zu schaden. Vorerst wollen wir aber noch einmal die Faszination ergründen, die seit jeher von Masken und der eigenen Maskierung ausgeht.

Verkleidung oder das Spiel mit der Identität

Wie der Titel des Blogs schon zeigt, geht es bei dem Tragen einer Maske oder dem Vorgang der Maskierung vor Allem um das Wechselspiel zwischen Zeigen und Verbergen. Je nach Maske entscheidet der Träger selbst über den Grad der Verhüllung. Gleichwie kennen wir solche Spielchen eigentlich schon aus unseren Kindertagen, sagt Belting. Sei es im wörtlichen Sinne durch Versteckspielen mit Freund:innen, das man nicht selten genutzt hat, um den ein oder anderen aus dem Hinterhalt zu erschrecken oder die alljährliche Frage nach dem coolsten Faschingsoutfit. Ich wollte zu Fasching beispielsweise immer Punker sein. Vielleicht ist mein früheres Ich damit auch ein Paradebeispiel dafür, was Masken grundlegend ermöglichen: Ein Handeln als ein anderer. Ich war eben doch eher das kleine, liebe, stille Mädchen – und weniger die Rockgöre mit bunten Haaren und zerschlissenen Jeans. Aber an Fasching, da ging alles. Knalligem Haarfarbe-Spray und fetten Eddings sei Dank.

In seinem Buch Masken – Theater, Kult und Brauchtum greift auch Manfred Brauneck insbesondere den Karneval auf, um diese spielerische Freiheit zu verdeutlichen:

Heute versetzen bunte Schminkmasken und Kostümierungen im Karneval die Menschen in einen Ausnahmezustand, der die Verspottung der politischen und klerikalen Eliten legitimiert, Menschen ausgelassen feiern lässt und ein öffentliches Verhalten ermöglicht, das so manche Konventionen über Bord wirft.

Masken – Theater, Kult und Brauchtum S. 23

Bild: Anya Juarez Tenorina (Pexels)

Die Maske in Literatur und Film

Eine weitere Filmreihe, die mich nicht zuletzt wegen ihrer ausgefallenen und gruseligen Masken fasziniert, ist The Purge. Daher habe ich mich auch riesig gefreut, dass sich mein Seminar zu Samanta Schweblins Roman Hundert Augen im letzten Semester anbot, Filmreihe und Buch auf den Aspekt der Maskierung abzugleichen. In The Purge haben die Bürger:innen Amerikas jedes Jahr am 4. Juli zwölf Stunden Zeit in der sogenannten Purge-Nacht ihrer Gewalt freien Lauf zu lassen. Jegliches Verbrechen – inklusive Mord – ist erlaubt. Staatliche Institutionen und Hilfseinrichtungen wie Polizei und Krankenhäuser sind in der Zeit inaktiv. Ursprünglich von der neuen Partei der NFFA eingeführt, um der zunehmenden Armut und Kriminalität mit fragwürdigen Mitteln entgegenzuwirken, entwickelt sich im Laufe der Purge-Geschichte ein regelrechter Maskenkult.

In Schweblins Roman Hundert Augen geht es hingegen um sogenannte Kentukis, kleine mit Kameraaugen ausgestattete Plüschtiere, die in fast allen Haushalten der Romanwelt Einzug gehalten haben. Über eine gekaufte SIM-Karte werden User per Zufall mit einem Kentuki verbunden und können sich per Computer-Steuerung in dem Zuhause des Gegenübers bewegen. Was niedlich beginnt, endet in einer Dystopie im Kleinem, die der Eskalation in The Purge gar nicht so unähnlich ist. Letzten Endes haben sich in beiden Stories ein paar interessante Dinge beobachten lassen.

The Purge und Hundert Augen: Das wahre Gesicht

In The Purge findet die Maskierung vorrangig über das Tragen der Masken statt, wobei auch die vorgetäuschte Integration von diversen Figuren in ihren Alltag und deren späteren Gewaltausbrüche einer metaphorischen Maskierung entsprechen. In Hundert Augen hingegen findet Maskierung vor Allem durch die Inbetriebnahme des Kentukis und somit in einer Art digitalem Raum statt. Dabei ermöglicht die Maske den Figuren ein Handeln als ein Anderer, der aufgrund der Ausnahmesituation und seiner Anonymität nicht länger an Konventionen gebunden ist. Auffällig ist die graduelle Steigerung der Eskalation, die mit (freizügiger) Sexualität beginnt und in Gewalt endet.

Bild: Dan Herrera (Pexels)

Besonders faszinierend fand ich jedoch die Erkenntnis, dass die Maske nur als Katalysator und Transformationsmittel für den dauerhaften Übergang in die andere Rolle dient. Ist die Grenze erst mal überschritten, legen die meisten Figuren Maske und/oder Anonymität ab und die Welt endet in völligem Chaos. Die Menschen zeigen sozusagen nach und nach ihr wahres Gesicht. Unsere Horrorfiguren scheinen da also eine Ausnahme zu sein – sie definieren sich auch im 20. Sequel noch über ihre Maske – auch Michael Myers.

Happy Halloween, Michael.

So begrüßt Laurie Strode, die 1978 den Angriff nur knapp überlebt hat, Michael Myers in ihrem Haus, bevor sie mit dem Gewehr auf ihn zielt. In dem Haus, in dem sie sich 40 Jahre lang auf diese Konfrontation vorbereitet hat. Ob es ihr am Ende gelingt, ihn zu besiegen, werde ich euch natürlich nicht verraten. Für schwache Nerven ist der Film jedenfalls nichts – die kalkweiße Maske hat über die Jahre nichts an Gruselfaktor verloren. Es ist der leere, starre Blick aus dem Inneren, der Einen verfolgt und das Dahinter, das für immer unergründlich bleibt. Und die Maske verbindend als ein Dazwischen, wie Brauneck sagt. Eben ein Spiel aus Zeigen und Verbergen. Gleichzeitig.

Und damit entlasse ich euch in die Halloween-Nacht. Happy Gruseln! 🙂

Bild: александар-цветановић (Pexels)

Hier der Link zum Trailer zum entsprechenden Filmsequal: Halloween (2018)

Hier findet ihr die Trailer zur The Purge-Reihe: (10) The Purge – YouTube

Und wenn ihr noch ein bisschen mehr Halloween-Vibes wollt, hier meine Rezension zu Dracula: Bram Stokers Dracula: Frauenkonzeption oder die Epoche der Romantik – Natascha Huber (natascha-huber.de)

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